Lesekompetenzförderung: Ein kurzer Blick über die Grenzen

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Die Aufregung war groß, als im Herbst 2001 der 1. PISA-Test den deutschen Schülerinnen und Schülern eine im internationalen Vergleich schlechte Lesekompetenz attestierte. Seither hat sich aber in unserem Nachbarland einiges getan.

Knapp zehn Jahre sind vergangen, als die 7 Handlungsfelder der Kultusministerkonferenz vorgestellt wurden, mit denen die Lesekompetenz und die schulischen Leistungen der Schülerinnen und Schüler verbessert werden sollte. Nicht ohne Stolz konnten die Bildungsminister der deutschen Bundesländer auf der Kultusministerkonferenz im Dezember 2010 auf die kontinuierliche Verbesserung der deutschen PISA-Ergebnisse verweisen.

Die Zahlen der PISA-Studie zeigen einen klaren Aufwärtstrend. Gerade im Vergleich zu anderen Staaten hat sich Deutschland über die Jahre kontinuierlich verbessert und liegt inzwischen in vielen Bereichen über dem OECD-Durchschnitt. Dafür haben Bund und Länder mit ihrer deutlichen Steigerung der Bildungsinvestitionen sowie mit ihren qualitätssichernden Maßnahmen gesorgt und damit eine positive Dynamik im Bildungswesen eingeleitet. Der Einsatz aller an Bildung Beteiligten hat sich gelohnt, daher werden wir diesen Weg konsequent fortsetzen.
Kultusministerkonferenz: PISA 2009: Deutschland holt auf

Besonders stolz wird auf die Tatsache hingewiesen, dass die überdurchschnittlichen Leistungsunterschiede zwischen guten und schlechten Leserinnen und Lesern deutlich verringert und dem OECD-Durchschnitt angenähert werden konnten. Dabei gelang es, auch den Anteil der schwachen Leserinnen und Leser von 22,6 % bei PISA 2000 auf 18,5 % bei PISA 2009 zu verringern. Erfreut waren die Minister auch darüber, dass die Freude am Lesen im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern bei den getesteten Jugendlichen angestiegen ist.

Weiters konnte der Zusammenhang zwischen der Lesekompetenz und der sozialen Herkunft der Eltern seit PISA 2000 von durchschnittlich 106 Punkten auf 75 Punkte bei PISA 2009 gesenkt werden. Und auch in Bezug auf das Schulklima konnte auf positive Entwicklungen zwischen PISA 2000 und PISA 2009 verwiesen werden. Resümierend heißt es schließlich:

Die Steigerung des Kompetenzniveaus insbesondere im unteren Leistungsbereich zeigt deutlich, dass der in Deutschland nach PISA 2000 eingeschlagene Weg, ein umfassendes und abgestimmtes System der Qualitätssicherung aufzubauen, erfolgreich ist. Die beobachteten Trends sprechen dafür, dass zur weiteren Steigerung der Lernergebnisse die Qualitätsentwicklung noch stärker auf die Verbesserung der Unterrichtsqualität und die gezielte individuelle Förderung ausgerichtet werden sollte.
Kultusministerkonferenz: PISA 2009: Deutschland holt auf

Leseförderprojekt für Hauptschulen: Niemanden zurücklassen

Ein Beispiel für die gezielte Leseförderung, die in Deutschland nach dem PISA-Schock im Jahr 2001 in die Wege geleitet wurde, ist das Projekt Niemanden zurücklassen - Lesen macht stark, das in Schleswig-Holstein im Jahr 2006 an 50 Hauptschulen gestartet wurde. Aufgrund des großen Erfolgs nehmen im Schuljahr 2010/11 207 Schulen mit rund 40.000 Schülerinnen und Schülern am Projekt teil.


Mit Hilfe einer eigenen Lesemappe kann die langfristige Verbesserung der Lesekompetenz kontrolliert werden. Bild: NZL

Untersuchungen haben gezeigt, dass zu viele Hauptschulabgänger das Sinn entnehmende Lesen im Laufe ihrer schulischen Laufbahn nicht lernen. Damit haben diese Jugendlichen nur geringe Chancen auf einen Ausbildungsplatz. Hier setzt das schleswig-holsteinische Projekt Niemanden zurücklassen - Lesen macht stark an. Ziel ist die Verbesserung der Lesekompetenz, konkret: eine deutliche Reduzierung der Risikogruppe durch gezielte Unterstützung.
NZL: Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung 2010, S. 3

Bereits im Jahr 2008 wurden erstmals die Erfolge des Programms der Öffentlichkeit präsentiert, wobei auf eine überdurchschnittliche Verbesserung der Lesekompetenz von der 5. zur 6. Jahrgangstufe hingewiesen werden konnte. Eine zusätzliche Folge war eine merkbare Steigerung der Motivation der Schülerinnen und Schüler beim Lesen.

Auch die aktuellen Ergebnisse sind außerordentlich ermutigend, zeigen sich doch, dass es möglich und lohnenswert ist, individuelle Förderung zum roten Faden der Unterrichts- und Schulkultur zu machen.
NZL: Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung 2010, S. 3

Während im österreichischen Schulsystem die Leseförderung in der Volksschule abgeschlossen ist und sich die Hauptschule für die Lesekompetenz nicht mehr zuständig fühlt, setzt das Projekt Lesen macht stark mit der Leseförderung Förderungen gezielt in der Sekundarstufe I ein. Grundlage für den Erfolg des Projekts ist, dass sich die ganze Schulgemeinschaft für das Ziel, die Lesekompetenz zu steigern, stark macht.

Für die Diagnostik wurden Beobachtungsmaterialien, Parallelarbeiten und standardisierte Tests erarbeitet, mit denen die Entwicklung der Lesekompetenz speziell für die Jahrgangsstufen 5 - 7 verfolgt und verglichen werden kann.

Alle Schüler erhalten dazu eine eigene Lesemappe mit den Registerblättern Lesewoche, Lesetexte, Nachdenken, Lesetipps und Lernplan zur langfristigen Verbesserung des Leseverständnisses, wobei jeder Abschnitt einer bestimmten Zielsetzung folgt. Die gelesenen Texte werden dokumentiert, um die ritualisierte Lesezeit der Jugendlichen zu erhöhen (S.10) Um die Lesemotivation zu steigern, sollen die die Schülerinnen und Schüler vor allem Texte lesen, die ihren eigenen Interessen entsprechen. Mit Hilfe von Lesestreifen werden verschiedenen Lesestrategien angeboten und zur Dokumentation von Lernschritten wird ein mit den Lehrern und Eltern abgestimmter Förderplan der Mappe beigefügt. Insgesamt ist das Projekt Lesen macht stark fachübergreifend angelegt und auf die ganze Schule ausgerichtet.


Verschiedene Lesestrategien helfen den Schülerinnen und Schülern die Inhalte der gelesenen Texte zu erfassen. Bild: NZL

Leseförderprojekt für Hauptschulen: ZeitungsZeit

Ein weiteres interessantes Leseförderprojekt, das ebenfalls auf die Steigerung der Lesekompetenz der Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe 1 ausgerichtet ist, wurde in Nordrhein-Westfalen umgesetzt. Seit 2005 nehmen dort jährlich mehr als 1.200 Hauptschulklassen am Projekt ZeitungsZeit teil, mit dem bis 2009 über 82.000 SchülerInnen erreicht werden konnten. In Zusammenarbeit des Schulministeriums mit dem Zeitungsverlegerverband und der Landesanstalt für Medien in Nordrhein-Westfalen erhalten die teilnehmenden Schülerinnen und Schülern für den Zeitraum von ca. 2 Monaten kostenlos 30 Zeitungen, die dann gezielt in den Unterricht eingebunden werden.

Die Tageszeitung ist ein hervorragendes Medium, um die Lust am Lesen zu fördern. Jeder findet in der Tageszeitung einen Text, der interessiert. ZeitungsZeit fördert die Lese-und Medienkompetenz und stärkt das Allgemeinwissen sowie die Kommunikationskompetenz. Gleichzeitig wird die Entwicklung des selbstständigen Lernens angeregt. Ich freue mich daher sehr, dass wir das Projekt ZeitungsZeit auch in diesem Jahr fortsetzen können. Besonders die Hauptschulen stehen vor der pädagogischen Herausforderung, für Schülerinnen und Schü´ZeitungsZeit´ fördert die Lese-und Medienkompetenz und stärkt das Allgemeinwissen sowie die Kommunikationskompetenz.

Gleichzeitig wird die Entwicklung des selbstständigen Lernens angeregt. Ich freue mich daher sehr, dass wir das Projekt ZeitungsZeit auch in diesem Jahr fortsetzen können. Besonders die Hauptschulen stehen vor der pädagogischen Herausforderung, für Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlicher Herkunft, Sprache und Bildungsbiographien angemessene Erziehungs-, Lern-und Förderangebote zu entwickeln. Tageszeitungen bieten hier eine besondere Form der Sprachförderung, denn sie bieten Schülerinnen und Schülern individuelle Leseanreize, betonte Schulministerin Barbara Sommer.
Bildungsklick: Projekt zur Leseförderung für die Hauptschulen startet

Lesestart Niedersachsen 

Auch mit der Leseförderung aber diesmal vom Kleinkindalter an beschäftigt sich das Leseförderprojekt Lesestart Niedersachsen, dessen Ziel es ist,

die Beschäftigung mit Sprache, Literatur und Büchern möglichst frühzeitig in den Alltag der Kinder und Lesen als festen Bestandteil in den Familien zu verankern. Dies geschieht in enger Zusammenarbeit mit den niedersächsischen Öffentlichen Bibliotheken, von denen sich mehr als 140 an dieser Kampagne beteiligen.


Das Projekt Lesestart Niedersachsen zeigt die wichtige Rolle, die auch außerschulische Einrichtungen wie Öffentliche Bibliotheken bei der Leseförderung zukommen kann. Bild: Lesestart

Um möglichst viele der einjährigen Kinder zu erreichen, gehen die Bibliotheken Kooperationen mit Kinder- und Jugendärzten, Allgemeinmedizinern und weiteren Partnern ein. Die Erfahrung anderer Lese- oder Buchstartprojekte hat gezeigt, dass eine Verteilung der Lesestart-Sets in Kooperation mit Kinder- und Jugendärzten bei der U6-Vorsorgeuntersuchung die effektivste Form ist, da fast 90 % der Eltern das Angebot der Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen. Die Ärzte unterstützen das Projekt gerne, da sie um die positive Wirkung von sprachfördernden Maßnahmen wissen.

Ein weiteres Ziel des Projektes ist es, die teilnehmenden Bibliotheken zu einer dauerhaften Anlaufstelle für junge Familien in ihrer Gemeinde/ ihrer Stadt werden zu lassen und als schon immer wesentlicher Partner der Lese- und Sprachförderung in ihrer Kommune bekannter zu werden.
Büchereizentrale Niedersachsen

Resümee 

Anhand einiger ausgewählter Beispiele sollte gezeigt werden, wie intensiv und kreativ in Deutschland auf den Schock der PISA-Ergebnisse für den Bereich Lesen im Jahr 2001 reagiert worden war und wie durch die entschlossene, enge und koordinierte Zusammenarbeit vieler Partner mittlerweile auf vorzeigbare Ergebnisse verwiesen werden kann.

Was beim Blick über die Grenzen im Hinblick auf die Reaktionen auf die PISA-Studien am meisten beeindruckt, ist der Umstand, dass die notwendigen Maßnahmen nicht an einer politischen Diskussion um die richtige Schulform, ob Gesamtschule oder Differenzierung in Hauptschulschulen und AHS, oder um die Verteilung der Kompetenzen zwischen Bund und Ländern hängen geblieben sind. Rasch scheint von politischer Seite das wahre Problem erkannt und benannt worden zu sein. PISA 2000 zeigte klar, dass ein erschreckend hoher Anteil der Schülerinnen und Schüler der Lese-Risikogruppe angehörten. Das bedeutet nicht weniger, als dass ein großer Anteil an Jugendlichen in ihrem späteren privaten und beruflichen Leben mit großen Schwierigkeiten rechnen muss, was wiederum nicht ohne erhebliche wirtschaftliche und soziale Folgen auch für die Gesamtgesellschaft einhergeht.

Die gesetzten Maßnahmen sind nicht auf eine Änderung des gesamten Schulsystems ausgerichtet, sondern die Kräfte des Bildungsbereichs wurden bewusst auf ein Ziel ausgerichtet und auf die Stärkung der Lesekompetenz der Schülerinnen und Schüler über die Primärstufe hinaus gebündelt. Dabei bestechen ganz besonders die enge Kooperation zwischen der Politik, den Hochschulen, Universitäten und den Schulen sowie der spürbare Wille, dass es gilt, gemeinsam und entschlossen ein brennendes gesellschaftliches Problem in Angriff zu nehmen, zweifelt doch letzten Endes niemand daran, dass die Bildung unserer Kinder die Zukunft unserer Gesellschaft ist.

 

Weiterführende Links:
Kultusministerkonferenz: PISA 2009: Deutschland holt auf
Büchereizentrale Niedersachsen: Lesestart
Akademie für Leseförderung der Stiftung Lesen
Bildungsklick.de: Projekt zur Leseförderung für die Hauptschulen startet: Jeden Tag eine Zeitung lesen
ZeitungsZeit Nordrhein Westfalen - Selbstständigkeit macht Schule

 

Andreas Markt-Huter, 28-02-2011

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