Norbert Gstrein, Wem gehört eine Geschichte?

Buch-Cover

Es gibt momentan zwei österreichische Weltdichter, die jenseits des unsäglichen Austrokoffers auf den Literaturbetrieb "gaggen", wie man so nett zu sagen pflegt.

Der eine ist Peter Handke, der soeben mit seinem Don Juan als germanistischem Genericum schwindelerregend kühn die Geschichte vom nachgebauten Liebhaber erzählt hat, und der andere ist Norbert Gstrein.

Seltsamerweise sind es bei beiden ihre Geschichten aus dem ehemaligen Jugoslawien, welche die germanistisch-bushigen Tugendwächter des Literaturbetriebes aus dem Häuschen bringen.

Wem gehört eine Geschichte? – Diese scheinbar triviale Frage sticht genau ins
Herz des Literaturbetriebes. Längst haben sich dort beinahe religiöse Sekten
mit entsprechendem Personenkult eingenistet. Immer wieder werden Tabus
formuliert oder es wird jemand aus heiterem Himmel abgewatscht, wenn er ein
frisch ausgegebenes Tabu nicht beachtet hat.

So eine Abwatschung hat Norbert Gstrein erlitten, als er im Roman „"Das Handwerk
des Tötens"“ die lapidare Widmung riskierte: „

Zur Erinnerung an Gabriel Grüner (1963-1999), über dessen Tod ich zu wenig weiß, als daß ich davon erzählen könnte.“

Diese Widmung des Ötztaler Schriftstellers für den Südtiroler Journalisten in der Weltstadt Hamburg ausgesprochen hat die Ikonenschützer mobil gemacht. Von geschmacklos bis irreal reichten die Kommentare.

Norbert Gstrein hat nun mit einer wunderbaren Scheißdinix-Erzählung
geantwortet. Da ohnehin der Leser bestimmt, was er für wahr halten will und was
nicht, erzählt er eine Geschichte über den Wahrheitsgehalt so genannter „True
Stories“, und wie als Trostpflaster ist dem Buche eine Bauchbinde mit der
Aufschrift umgebunden: „Based on a True Story“.

Ganze Rührwerke von Verknüpfungsschaufeln durchmengen den Gatsch aus Fiktion, Zeitungsnachrichten und literarischer Fetischierungskunst. Ein Dutzend Bücher über das vorgeblich Authentische, von Max Frischs „Biographie: "Ein Spiel“" bis zu Bernard-Henri Lévys „"Wer hat Daniel Pearl ermordet?"“, stellt Norbert Gstrein
als von ihm gelesen vor, jetzt mag der Leser was anfangen damit oder nicht. Der
beste Kommentar über das Wahre kommt wie immer vom Papst. Als dieser den
Christus-Film von Mel Gibsen gesehen hat, soll er ausgerufen haben: „Genau so
wars!“

Die einzelnen Sequenzen gehen scheinbar sprunghaft von einer Erzählfläche in
die nächste über, aber irgendwie hält eine Reise durch eine erzählte Reise den
Text zusammen und gibt ihm den scharfen Schatten einer fiktiven Reportage.

Norbert Gstrein ist schließlich ein äußerst witziger Erzähler, wenn man ihn nur
witzig sein lässt. Als die erzählende Figur einem Nachtportier mit dem Namen I.
Radisch gegenübersteht, erzählt diese Figur, daß sie von einer in einem
Großfeuilleton metzgernden Literaturkritikerin gleichen Namens schon einmal
hingerichtet worden ist.

Ha, das ist die richtige Antwort auf dieses marode Literaturfeuilleton:
Triefend vor Tiefgang so lange witzig zu sein, bis wirklicher Tiefgang entsteht.
Norbert Gstreins scharfe Erzählung spricht den Lesern großen Mut zu: Scheißt
euch weniger um die Gurus, lest mehr witzige Texte. – Eine große Erleichterung!

Norbert Gstrein, Wem gehört eine Geschichte? Fakten, Fiktionen und ein
Beweismittel gegen alle Wahrscheinlichkeit des wirklichen Lebens.
Frankfurt/M: Suhrkamp 2004. 107 Seiten. EUR 14,80. ISBN 3-518-41637-5.

 

Helmuth Schönauer 26-09-2004

Bibliographie
AutorIn: 
Norbert Gstrein
Buchlangtitel: 
Wem gehört eine Geschichte? Fakten, Fiktionen und ein Beweismittel gegen alle Wahrscheinlichkeit des wirklichen Lebens
Erscheinungsort: 
Frankfurt
Verlag: 
Suhrkamp
Seitenzahl: 
107
Preis in EUR: 
EUR 14,80
ISBN: 
3-518-41637-5
Kurzbiographie AutorIn: 

Norbert Gstrein, geb. 1961 in Mils/Imst, lebt in Hamburg.

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