Rezension: Netzwerk Memoria (Hrsg.), Stifter reloaded
Der Maler, Dichter, Kurator und Sinnstifter Adalbert Stifter feiert den zweihundertsten Geburtstag, und wenigstens für diesen Anlass soll das Timing stimmen. Zu Lebzeiten hat es Stifter bekanntlich nicht immer ganz mitgekriegt, was gerade wann wo los ist, und so hat er sich beispielsweise 1848 deppensicher für die Revolution entschieden, als diese schon niedergeschlagen war. Aber jetzt ist gute Stifterzeit, alles was eine Hand für einen Pinsel oder einen Finger für die Tastatur hat, macht eine runde Stifter-Geburtstagstorte. Ein paar oberösterreichische Autoren aus der Gruppe „Netzwerk Memoria“ haben sich mit tschechischen Stifternachfahren zusammengetan und den Erzählreigen „Bunte Steine“ neu heruntergeladen aus der fernen Stifterzeit. Den Downloads ist jeweils eine kurze Inhaltsangabe der originalen Stiftergeschichten vorangestellt, so kommt das pädagogische Triefen gut zum Ausdruck und wird in den Texten der Gegenwart ironisch oder manieristisch cool aktiviert. In Granit überschreibt Adelheid Dahiemène die Geschichte eines Rückzugs vor der Pest, die moderne Köhlerfamilie überlebt die Sprachattacken der Gegenwart mit Zitaten aus der Stifterwelt. In Kalkstein überpinselt Hans Eichhorn den Stiftermythos einer Schulgründung mit Lehrsätzen zu einer Schule der Beiläufigkeit. Margit Schreiner lässt in der modernen Fassung von Turmalin die verschwundene Schauspielerin Stifters als Literaturauseinandersetzung im Voesthaus ablaufen. In der Weihnachtsgeschichte Bergkristall schleift Rudolf Habringer den Stoff bis an die Adern des Kitsches durch und nähert sich so einer aktuellen Moretti-Verfilmung. Walter Kohl macht sich in Katzensilber unverhohlen und befreiend über Stifter und seine braune Mignon lustig. Andreas Weber stellt der Stifterschen Bergmilch, einer Erzählung aus den Napoleonischen Kriegen, zwei Nachkriegsfragmente mit cineastischem Einschlag entgegen. Die tschechischen Autoren durchkämmen in ihren Beiträgen zwischendurch die Geschichten nach staatstragenden Überbleibseln aus der jüngsten Zeitgeschichte. Sehr amüsant das Ganze, aber man sollte nie vergessen, was das für ein Kulturambiente ist, wenn ein ganzes Bundesland ein Jahr lang einen verblichenen Schulinspektor feiert, der sich beim Rasieren zu Tode geschnitten und ein Leben lang den Schwerpunkt seiner Tagebuchaufzeichnungen auf die Verdauung und die Ausscheidung gelegt hat. In einer wahrlich kühnen Literaturtheorie würden die Bunten Steine nämlich als Exkremente ausgelegt. Netzwerk Memoria (Hrsg.): Stifter reloaded. Ein Dutzend bunter Steine. Mit Texten von Adelheid Dahiemène, Hans Eichhorn, Leopold Federmair, Rudolf Habringer, Walter Kohl, Margit Schreiner, Andreas Weber u.a. Wien: Picus 2005. 192 Seiten. EUR 16,90. ISBN 3-85452-486-2. Helmuth Schönauer, 10-07-2005
Quelle: Picus-Verlag; Literaturhaus
Weiterführende Links:
Picus-Verlag: Stifter reloaded
Literaturhaus: Stifter reloaded
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