Lydia Mischkulnig, Die Paradiesmaschine

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Die größten Überraschungen in einer scheinbar hochkomplexen Gesellschaft entstehen dadurch, dass die Menschen die diversen Gebrauchsanweisungen entweder gar nicht oder zu genau lesen.

Lydia Mischkulnig bringt in ihren 18 Erzählungen ebenso viele Überraschungen aufs Display, denn bei ihren Storys weiß man nie, ob sie eine Fake-App am Tablet oder eine hingeknallte Gesprächssituation im Alltag sind.

In der Titelgebenden Erzählung „Die Paradiesmaschine“ beginnt der Tag noch halbwegs geordnet, indem zu Hause die Haushaltsgeräte eingehen. Diese kaputten Sachen sind geradezu handfest und verlässlich gegen das, was der Kundin neuer Geräte in der Folge zustößt. Sie gerät im Kaufhaus von einer Glückskonsumation in die nächste, ihre Haut wird von Kosmetikberaterinnen abgegriffen und aufpoliert, am Schluss hat sie nichts Anderes in der Tasche als einen Wellness-Urlaub ans Tote Meer. Doch bei genauerem Hinsehen zerbröselt auch diese Glücks-Buchung wie alles, was der Heldin an diesem Tag wiederfahren ist.

Dieses Zerbröseln der Verhältnisse ist so etwas wie ein Leitmotiv in den Geschichten, in der Eingangsgeschichte gibt der Rasenmäher wegen Spritmangel den Arbeitsgeist auf, die Mäherin stößt auf dem Weg zur Tankstelle auf ein spirituelles Paar, das sofort Heilkräfte auspackt und Rasen und Rasenmäher segnet, sodass man nie mehr mähen muss. Verstört merkt die Heldin, dass tatsächlich das Gras den Wuchs einstellt, sie geht zurück an den Kraft-Ort der Begegnung und findet einen beinahe leeren Rucksack vor, worin eine Skizze über das anstehende Leben abgelegt ist. Die Skizze entspricht offensichtlich der Zukunft, anderseits ist sie nicht verlässlich, weil das Leben schon beim Anstarren der Skizze ausufert.

Ein typischer Landausflug besticht durch das triviale Geschmatze, das beim Sprechen der etwas abgehobenen Landgesellschaft aus den Mündern trieft. Die Ich-Erzählerin versucht, diese offensichtlich kärntnerisch durchwalkten Menschen auszuhalten, als die Hausherrin so nebenher meint, dass sie keine Negerin nächtigen lassen will. Jetzt erstarrt die Erzählerin, sie ist nämlich schwarz und glaubt gar nicht recht, was sie da gehört hat. In diesem Wackelspiel aus Political Correctness und Kärntner Heimatreue ist keinem mehr zu trauen, vor allem der Sprache nicht.

Unter einer Linde, die wie in einem Volkslied an den Gasthof gelehnt ist, bahnt sich eine Liebes-Kunst-Tragödie an. Ein frisch verliebtes Paar lässt sich an dem Ort fotografieren, wo einst Wittgenstein die Kinder gefotzt hat. Der einzige Abzug dieses Bildes dient in der Folge als Aufhänger für die Ehe. Als es zur Scheidung kommt, zerreißt das Paar das Bild und kommt drauf, dass es vom berühmten Newton gemacht worden ist. Jetzt ist der Kummer groß, denn Ehe, Bild und Finanzen sind zerstört.

Eine Heuschrecke, die einen Tag lang jede Beobachtung auf sich zieht, ein Kuss, der unter Botox-Lippen ein arisiertes Wochenendhaus freilegt, ein Märchen von drei Lieben: Alles bekommt durch Lydia Mischkulnig einen leichten Drall, der die Helden aus der Erzählung hinausdrängt und eine unerwartete Situation blank übriglässt. Dabei geht es nicht bloß um Alltags-Horror, sondern manchmal auch ums kindliche Gemüt. Lulu und Kaka (144) verschwinden im Kanal, umrunden die Welt und setzen sich auf einem Algenteppich zur Ruhe, ehe ein Dichter stirbt, als er diesen durchtauchen will.

„Sprache ist bediente Tastatur,“ (165) heißt es lakonisch, und Lydia Mischkulnig haut genussvoll in die Tasten!

Lydia Mischkulnig, Die Paradiesmaschine. Erzählungen
Innsbruck: Haymon Verlag 2016, 195 Seiten, 19,90 €, ISBN 978-3-7099-7258-8

 

Weiterführende Links:
Haymon Verlag: Lydia Mischkulnig, Die Paradiesmaschine
Wikipedia: Lydia Mischkulnig

 

Helmuth Schönauer, 31-10-2016

Bibliographie
AutorIn: 
Lydia Mischkulnig
Buchlangtitel: 
Die Paradiesmaschine. Erzählungen
Erscheinungsort: 
Innsbruck
Verlag: 
Haymon Verlag
Seitenzahl: 
195
Preis in EUR: 
19,90
ISBN: 
978-3-7099-7258-8
Kurzbiographie AutorIn: 

Lydia Mischkulnig, geb. 1963 in Klagenfurt, lebt in Wien.

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